An Ernst Thälmann links vorbeigezogen…

Wer an Ernst Thälmann links vorbeizieht, muss ja ein ganz linker Vogel sein! Die Überschrift ist hier allerdings nur geografisch gemeint; davon aber später…

Streckenlänge 27 km
Wegbeschaffenheit Überwiegend Asphaltstraßen, vereinzelt Waldwege
Routenverlauf Überwiegend ruhige Wegverläufe auf Landstraßen
Nahverkehr Berlin Hbf-Königs Wusterhausen:
RE2 direkt
S3, RB24 Umstieg Ostkreuz;
RB10, S46 Umstieg Südkreuz
Höhenprofil

In Königs Wusterhausen könnte man schon verweilen, man brauchte eigentlich gar nicht weiterzuradeln, weil es hier zu viel zu sehen gibt. Da ist zu allererst das Schloss, das gleich am Wegesrand liegt, und das man auf keinen Fall auslassen sollte. König Friedrich Wilhelm I. rief hier regelmäßig im Herbst zur Jagd und hielt hier auch sein berühmt berüchtigtes Tabakskollegium ab. Eine Schlossbesichtigung sollte man auf keinen Fall verpassen!

Vom Schloss aus fahren wir in Richtung Norden nach Wildau. Der Hochschulstandort hat nach der Wende einen ordentlichen Aufschwung erlebt, die Hochschule ist bekannt für ihre technisch orientierten Studiengänge. Kurz hinter dem südlichen Ortseingang durchfahren wir eine schmucke Siedlung, deren Wohnhäuser einen  Hauch von Geschichte ausatmen. Es handelt sich hier um die Schwartzkopff-Siedlung, die zwischen 1900 und 1925 als Wohnsiedlung für die Arbeiter der Schwartzkopff-Werke errichtet wurde. Vergleiche mit der Hufeisensiedlung in Berlin-Britz und der Gartenstadt Marga in Senftenberg bieten sich an.

Auf unserem Weg nach Norden erreichen wir nun Zeuthen. An der abgeknickten Vorfahrt fahren wir geradeaus weiter in das Siedlungsgebiet. Bei unserer Tourenplanung haben wir uns nach Kartenlage für den Weg durch ein Wäldchen entschieden, was sich als Fehler erwies; besser fährt man auf der Straße weiter bis dicht an den Zeuthener See. Es gibt keinen direkten Uferweg, weil die Bebauung bis an den See heranreicht. Teure Seegrundstücke, von denen eines Peter-MIchael Diestel gehört, der im ersten Nachwende-Kabinett der DDR Innenminister war.

Bei Wikipedia lesen wir:

„Kritiker warfen ihm in seiner Amtsführung als Innenminister den verharmlosenden Umgang mit ehemaligen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit oder mit IMs vor, die als Mitarbeiter des Innenministeriums weiter beschäftigt blieben. Des Weiteren sollen in seiner Amtszeit viele Stasi-Akten vernichtet worden sein.“

Schließlich gelangen wir nach Alt-Schmöckwitz. Der Ortsteil Schmöckwitz – Ortsteil des Bezirks Treptow-Köpenick – hat eine gewisse Bedeutung, denn in seinem Gebiet liegt der südlichste Punkt Berlins. Der allerdings liegt mitten im Zeuthener See, deswegen konnten wir ihn nicht aufsuchen. In Schmöckwitz befindet sich auch die Endhaltestellle der (ehemaligen) Schmöckwitz-Grünauer Uferbahn. Neben der Endhaltestelle gab es ein kleines Straßenbahndepot, das aber im Jahr 2008 vollständig ausbrannte und nicht wieder rekonstruiert wurde.

Unser Weg führt weiter nach Osten an der Nordgrenze der Halbinsel Rauchfangswerder nach Wernsdorf. Leider ist die Wernsdorfer Kirche nicht zur Besichtigung geöffnet. Von Wernsdorf wenden wir uns nach Süden.

Wir fahren nun nach Ziegenhals, einem Ortsteil von Wernsdorf. Dunkel kann ich mich erinnern, dass es hier eine Gedenkstätte gegeben haben muss. Assoziation: Gedenkstätte – DDR – Kramen im Gehirnkasterl: Karl Liebknecht? Nöö – Faden verloren… Erst einige Kilometer später fällt mir Enst Thälmann ein. Zu dumm! Einen Hinweis an der Straße auf die Gedenkstätte gibt es entweder nicht, oder ich muss sie übersehen haben. Die Gedenkstätte lag übrigens rechts vom Weg. Nächstes Mal…

Unsere Tour führt uns nun nach Niederlehme. In dessen Zentrum werfen wir einen Blick auf die Kirche und fahren weiter nach Süden zum Wasserturm.

„Robert Guthmann errichtete 1900 bis 1902 das weltweit größte Kalksandsteinwerk in Niederlehme. Der nach neuen Methoden erstmalig industriell hergestellte Kalk-Sandstein löste im großem Maße den bis dahin weit verbreitetet gebrannten Ziegel ab. Der neue Baustoff bestand aus einheimischen Rohstoffen wie Sand, Kalk und Wasser, war kostengünstig, ließ sich in einer gleichmäßigen hohen Festigkeit und in verschiedenen Formen herstellen und war dazu noch ökologisch unbedenklich. Es entstanden Gebäude mit typischen Kalksandstein – Rohbaufassaden. Für die Wasserversorgung des Betriebes und der Werkswohnungen ließ Robert Guthmann sehr werbewirksam den Wasserturm nach dem Vorbild des Galata -Turmes von Istanbul diesen Turm erbauen. Mit seiner Kalksandsteinarchitektur hat er ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland.

Die Hutform des 32 Meter hohen Turmes, eingebaute orientalischen Muster mit Formsteinen über der Eingangstür, ein umlaufendes Gussgeländer in Höhe des Wasserbehälters sowie die Fenster geben dem Gebäude einen nostalgischen Hauch. Eine über 100 Jahre alte Holztreppe aus Eiche führt in die oberen Etagen. 3 Etagen sind mit einer preußischen Kappendecke ausgeführt. Der obere Teil des Turmes wird von einer Holzbalkenkonstruktion getragen. Mit dem Anschluss Niederlehmes an die öffentliche Wasserversorgung verlor der Turm seine ursprüngliche Versorgungsfunktion. Nach 1998 kaufte ein Immobilienhändler von der Gemeinde den Turm.

Der 55 Kubikmeter fassende Wasserbehälter sowie das Gusseisen-Geländer der kleinen Plattform ließ er aus Sicherheitsgründen entfernen. Seinen Plan zum Ausbau als Büroraum, als Aussichtsturm und als Schifffahrtmuseum setzte er nicht um. Der Turm war dem Verfall preisgegeben. 2010 verkaufte der Besitzer den Wasserturm an ein junges Ehepaar aus Berlin. Dieses erneuerte den größten Teil der historischen Fenster denkmalgerecht und dichtete das Dach fachmännisch ab. Die geplante Nutzung als Wohnturm scheiterte 2013 an den Bauvorschriften.

(Aus einem Dokument des Niederlehmer Heimatvereins e.V.)

Die Begründung für die Ablehnung als Einrichtung des Turms zu Wohnzwecken war hanebüchen. Allerdings zeichnet sich nun (2021) nach Jahren des Stillstands eine Lösung für das schöne Bauwerk ab: die Stadt Königs Wusterhausen hat die Immobilie gekauft , Gelder zur Entwicklung des Bauwerks für gemeinnützige Zwecke sind bewilligt (s. Bericht). Wir sehen den Wasserturm jedenfalls jedes Mal, wenn wir mit dem Auto auf dem südlichen Berliner Ring nach Osten fahren und das Dreieck Spreeau noch nicht erreicht haben.

Irgendwie hat die Tourenplanung per OpenStreetMap nicht so richtig geklappt: Jedenfalls landen wir in Niederlehme an einer angeblich vorhandenen Fußgänger- und Radfahrerbrücke über die Dahme an einer Unterbrechung: die Brücke gibt es nicht mehr. Wir umfahren dieses Hindernis ohne Schwierigkeiten, weil wir in dieser Gegend schon oft unterwegs waren.

Die Umleitung bringt uns nach Neue Mühle, wo wir die Dahme überqueren müssen. An dieser Stelle befindet sich auch die gleichnamige Schleuse. Da das Straßenniveau hier so niedrig ist und sich der Bau einer höheren Brücke nicht gelohnt hat, überquert man den Wasserlauf auf einer Zugbrücke.

Auf dem Rückweg nach Königs Wusterhausen fahren wir wieder am Gedenkstein für die Opfer des Flugzeugabsturzes von 1972 vorbei.

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