Es ist schon meteorologischer Herbst, als wir uns auf den Weg machen um eine Fahrradtour auszuprobieren, die in der Fahrradbroschüre 2021 des Berliner TAGESPIEGEL vorgestellt wurde: „Beiderseits der Oder“ ist der Titel und erweckt unsere Neugier auf die Erkundung der Möglichkeiten, Fahrradreisen bei unseren östlichen Nachbarn vorzunehmen.
Nachdem wir den Oder-Neiße-Radweg gefahren waren, haben wir uns immer einmal vorgenommen, auch auf der östlichen Seite der Oder zu fahren. Der Beitrag im TAGESSPIEGEL war in dieser Hinsicht sehr hilfreich, weil eine Wegbeschreibung und die entsprechenden GPX-Tracks für das Fahrrad-Navi zum Download angeboten wurden.
Vorab muss man allerdings sagen: für Kunst- und Kulturfreunde ist diese Radtour nicht unbedingt geeignet. Hier kann man nur Natur pur und das Flair des ländlichen Polens genießen. Unser Ausgangspunkt für diese Tour ist die schöne Stadt Angermünde in der Uckermark.
Tourübersicht
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1. Etappe: Angermünde – Gryfino (Czepino)
Von Angermünde fahren wir am Vormittag zunächst nach Stolpe an die Oder. Erfreulicherweise geht es hier meist bergab, denn wir fahren in das Odertal hinab.

Von Stolpe radeln wir auf dem Oder-Neiße-Radweg (s. auch hier) über Schwedt nach Mescherin. In Schwedt passieren wir das (private) Fischereimuseum, in dem wir damals köstliche Fischbrötchen kaufen konnten. Heute ist dort nix los – vielleicht ist auch noch zu früh…
Schwedt haben wir schon öfters besucht, es gibt dort einige interessante Sehenswürdigkeiten, die nicht auf den ersten Blick als solche ersichtlich sind. Hervorzuheben ist das Stadtmuseum Schwedt, mit seinem Ausstellungsbereich über das jüdische Leben in der Stadt – illustriert und dokumentiert durch das jüdische Ritualbad.
Wir folgen weiter dem Oder-Neiße-Radweg. Je mehr wir uns Mescherin nähern, desto waldiger wird die Landschaft, leider wird auch die Fahrbahndecke des Radwegs immer schlechter. in Mescherin wenden wir uns schließlich ostwärts und überqueren die Oder auf einer Landstraße in Richtung Gryfino – nicht ohne vorher am deutschen Oderufer den Aussichtsturm bestiegen zu haben.
Gryfino ist die eine geschäftige Kleinstadt hinter der Grenze. Es gibt dort wenig zu besichtigen. Wir fahren auf einem Umweg mit weniger Trubel zu unserem Hotel im Nachbarort Czepino. Das stellt sich augenscheinlich als Luxuxherberge heraus: Komplett neu erbaut, stark armiertes Eingangstor, Kamera überwachter Parkplatz… Alles scheint super.
Dass ich an der Rezeption englisch sprechen muss, stört mich nicht; das Personal ist aber sehr zuvorkommend. Beeindruckend ist das sehr freundlich eingerichtete Restaurant, in dem wir uns regionale Gerichte bestellen. Das Essen ist wohlschmeckend und ansprechend angerichtet. Der Preis ist viel zu niedrig – verglichen mit deutschen Verhältnissen.
Ein gravierender Nachteil: Wir dürfen das Fenster nicht öffnen, weil uns sonst ein riesiges Heer von Mücken überfallen würde. Etliche Stiche müssen wir in Kauf nehmen, bis wir merken, dass ein geschlossenes Fenster besser schützt als Chemie. Noch ein Nachteil: die beiden Einzelbetten sind zu schmal. Ich wache mehrfach nachts auf, weil ich den Eindruck habe, ich falle aus dem Bett.
2. Etappe: Czepino – Klasztor Cedynia
Das Frühstück im Hotel ist erheblich besser besucht von Gästen als das Abendessen am Vorabend. Das weist darauf hin, dass die Spesen der mehrheitlich am Frühstückstisch sitzenden (ausschließlich) Männer nicht ausreichen, um sich eine Mahlzeit im Hotelrestaurant zu leisten. Das Wetter ist nicht schön: dichte Wolken verhüllen die Sonne.
Unsere heutige Tour ist recht lang, es sind ca. 90 km zu bewältigen, da ist das weniger sonnige Wetter mit niedrigeren gar nicht schlecht.

Wir haben gelesen, dass wir heute durch recht einsame Gegenden fahren, in denen es wenig Einkaufsmöglichkeiten gibt. Deswegen versorgen wir uns in Gryfino noch schnell mit Obst für unterwegs; Getränke haben wir genug mit.
In Gryfino tost der Verkehr und wir sind froh, als wir aus der Stadt heraus kommen – allerdins immer schön bergauf. Dank Rückenwind erreichen wir bald den höchsten Punkt unserer vormittäglichen Strecke und können entspannt auf den Radweg Nr. 3 fahren. Allerdings nur, bis die Straße zu einem einzigen Hindernis aufgrund der mangelhaften Straßenoberfläche wird. Doch bald sind wir erlöst!

Wir haben den Bahnradweg endlich erreicht. Dieser Radweg wurde aus einem Förderprogramm der Europäischen Union finanziert. Entsprechend komfortabel ist er auch ausgebaut. Dass die Förderung durch die EU nur ein Anschub ist, der pflegende Maßnahmen für die Zukunft nicht einschließt, wird sich später im Verlauf des Radwegs erzeigen.
Wir fahren nun durch eine ziemlich ebene Landschaft. Es gibt keine spektakulären Orte, die wir kreuzen. Nur Wald, manchmal Felder…
Bei Borzym endet zunächst der gut ausgebaute Abschnitt des Bahnradwegs und wir fahren weiter auf passablen Waldwegen. Bei Mały Borzym geht es weiter auf der asphaltierten Bahntrasse. Ab Swobnica soll der Radweg schlecht zu befahren sein, wie wir dem TAGESSPIEGEL-Bericht entnehmen können. Deswegen umfahren wir diesen Streckenabschnitt auf der Landstraße über Grzybno und Strzeszów.
In Trzcinsko-Zdroj verlassen wir den Radweg 3 und wechseln auf den Radweg 20. Der Radweg führt direkt durch die Altstadt, die am Mittag sehr verschlafen wirkt. Wir setzen uns auf eine Bank am Marktplatz und verzehren unser mitgebrachtes Essen.
Irgendwann müssen wir den inzwischen befahrenen Radweg Nr. 20 verlassen und fahren auf einer relativ wenig befahrenen Landstraße zu unsrem Ziel: dem Kloster Zehden. 91 km stehen auf dem GPS-Gerät.
Das Hotel Klasztor Cedynia ist der im Laufe der Jahrhunderte übrig gebliebene Westflügel eines im 13. Jahrhundert gegründeten Zisterzienserinnenklosters. 1997 haben Privatleute das fünfzig Jahre als Ruine daliegende Gebäude wieder aufgebaut und als Hotel eingerichtet.
Am frühen Abend essen wir im Restaurant des Hotels in einem überaus angenehmen Ambiente – es sind nur sehr wenig andere Gäste anwesend. Auch hier bestellen wir regionale Gerichte, die uns liebevoll angerichtet serviert werden.
3. Etappe: Klasztor Cedynia – Angermünde
Unsere letzte Etappe führt uns wieder hinab ins Odertal. Von Cedynia aus benutzen wir den Radweg Grüne Oder, der von Küstrin nach Stettin rechts der Oder verläuft. Auf ruhigen Nebenstraßen, deren Straßenbelag nicht immer rüttelfreies Radeln zulässt, fahren wir durch einsame Wälder und Naturparks. In Krajnik Dolny überqueren wir die Oder und erreichen bald Schwedt.

In Schwedt kommen wir wieder am oben erwähnten Fischereimuseum vorbei. Ein dort herumstehender Mann verrät uns, dass es hier keine Fischbrötchen mehr gibt, aber der Fischer würde in der Innenstadt auf dem Marktplatz mit seinem Verkaufswagen stehen. Wir fahren dorthin – und siehe da! Er ist dort, und wir können nun die legendären Fischbrötchen bekommen und gleich auf dem Marktplatz verspeisen.
Zu unserem Ausgangspunkt in Angermünde radeln wir wieder auf dem Oder-Neiße-Radweg, diesmal aber nur bis Stützkow, von wo wir dann auf direktem Weg nach Angermünde fahren.